Ein Mann und eine Frau sind in einer Gesprächssituation und schauen ernst.

Über Krankheiten offen reden?

Zwischen Transparenz und Persönlichkeitsschutz: Wie man mit dem Spannungsfeld umgeht.

„Wie geht’s?“ Wenn man unter einer chronischen Krankheit leidet, löst diese scheinbar unverfängliche Frage oft Stress aus. Soll man nun sagen, wie es einem wirklich geht, oder lieber so tun, als wäre alles in Ordnung? Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Vielmehr sollte man bewusst entscheiden, was man wem gegenüber ansprechen will, rät der Psychosomatiker und Psychotherapeut Dr. Harald Schickedanz, Ärztlicher Direktor der Klinik Hüttenbühl.

Porträt Dr. Harald Schickedanz
>> Viele machen in der Reha das erste Mal die Erfahrung, sich jemandem anvertrauen zu können. <<

DR. HARALD SCHICKEDANZ, ÄRZTLICHER DIREKTOR DER DRV-KLINIK HÜTTENBÜHL

Warum haben wir eigentlich Hemmungen, über chronische Krankheiten und Behinderungen zu sprechen? Dr. Harald Schickedanz: Das hängt mit der alten kulturellen Vorstellung zusammen, dass Krankheit etwas mit Schuld zu tun hat, eine Strafe Gottes ist. Auch die Illusion, dass man alles selbst gestalten kann und Krankheit nur durch mangelndes Engagement entsteht, ist weit verbreitet. Wir leben in einer Zeit, in der man immer auf Performance und Aussehen achten muss und alles, was mit Krankheit und Behinderung zusammenhängt, einem zum Nachteil geraten kann. Viele wollen sich deshalb lieber nichts anmerken lassen.

Aber muss man nicht darüber reden, um diese Dinge zu normalisieren? Es ist wünschenswert, dass Tabus und Diskriminierungen weichen. Ich will aber auf keinen Fall sagen, dass wir gläserne Menschen sein sollen. Jeder sollte in unserer Gesellschaft die Möglichkeit haben, über Besonderheiten zu sprechen, ohne dadurch an seiner Teilhabe gehindert zu werden. In der Realität ist das aber noch nicht unbedingt so. Im Beruf gibt es deshalb sogar ein Recht darauf, dass Vorgesetzte über bestimmte Dinge nicht Bescheid wissen. Und auch im Alltag müssen wir immer wieder Entscheidungen treffen, die in diesem Spannungsfeld stehen. Wie trifft man diese Entscheidungen? Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten, selektiv transparent zu sein. Man sollte schauen, ob die Menschen, denen man sich anvertraut, vertrauenswürdig sind, und kontextabhängig so kommunizieren, dass es hilfreich ist. Das hängt auch davon ab, wie weit man selbst mit der Akzeptanz der Erkrankung ist. Wenn man sich noch nicht sicher ist, kann man sagen: „Ich werde eine gewisse Zeit ausfallen und lasse mir offen, ob ich darüber sprechen möchte.“ Oft machen Diagnosen auch gerüchteweise die Runde. Was, wenn man ungewollt darauf angesprochen wird? Man kann erstmal den Druck rausnehmen und freundlich fragen: „Magst du mir erklären, warum du das wissen willst?“ Oder man kann sagen: „Ich bin im Moment noch ziemlich beeinträchtigt und weiß noch nicht, wie offen ich darüber reden will. Können wir das später machen?“ Was raten Sie den Gesprächspartnern der Erkrankten? Man sollte versuchen, die verschiedenen Ebenen des Gesprächs zu adressieren. Wenn mich zum Beispiel ein Kollege wegen seiner Krebserkrankung um Rat fragt, verweise ich darauf, dass ich mich mit dem Thema zu wenig auskenne, aber einen Experten kenne. Das ist die Sachebene. Und ich bedanke mich für das Vertrauen. Das ist die Beziehungsebene. Man darf ruhig auch sagen: „Mensch, das schockt mich jetzt aber.“ Und wenn es einem zu viel wird, darf man das Gespräch auch stoppen. Ist das Reden über Krankheiten ein großes Thema in der Reha? Die meisten Patientinnen und Patienten, die zu uns kommen, sind bei diesem Thema unsicher. Viele machen in der Reha das erste Mal die Erfahrung, sich jemandem anvertrauen zu können. In den allermeisten Fällen führt das zu einer Stärkung des Selbstwertgefühls. Die Kommunikationsfähigkeit wird verbessert – für viele ein Schlüssel zu mehr Lebensqualität. Die Reha bietet hier einen geschützten Rahmen. Wenn jemand etwa in der Gruppe zu viel über sich preisgibt, greifen die Therapeutinnen und Therapeuten moderierend ein. Persönlichkeitsschutz ist genauso wertvoll und wichtig wie Transparenz.

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