Elena Losowski hat in Bad Mergentheim Abstand vom Alltag gewonnen. Die neuen Perspektiven will sie mit nach Hause nehmen.
Elena Losowski hat in Bad Mergentheim Abstand vom Alltag gewonnen. Die neuen Perspektiven will sie mit nach Hause nehmen.
Rücken, Kopf, Herz: einmal neu sortieren
Eine psychosomatische Reha bietet die Gelegenheit, sich neu kennenzulernen – und sich von anderen inspirieren zu lassen.
Fünf Wochen Reha, fünf Wochen weg von zu Hause – der Gedanke war zunächst komisch für Elena Losowski. Doch der 27-Jährigen war auch klar, dass sie etwas tun musste. Durch ihre Arbeit als Erzieherin hatte sie Rückenprobleme, die Schmerzen gingen einfach nicht mehr weg. Dazu kamen psychische Belastungen. „Ich habe Probleme aus dem Job oft mit nach Hause genommen, das Gehirn hat einfach nicht mehr aufgehört zu arbeiten“, berichtet sie. Auch mit Ängsten und Depressionen hatte sie zu kämpfen. Nachdem eine ambulante Psychotherapie bereits ausgelaufen war, wollte sie eine psychosomatische Reha ausprobieren. Ihre Bedenken bezüglich des Heimwehs waren nach kurzem Akklimatisieren in der Klinik im baden-württembergischen Bad Mergentheim schnell ausgeräumt. Rückblickend hat ihr gerade der Abstand vom Alltag geholfen, den Blickwinkel zu ändern und wieder mehr das Positive in ihrem Leben zu sehen. Es gab da so einen Moment in der Gruppe, da hat es bei ihr Klick gemacht. „Jemand meinte, er sei dankbar dafür, dass er heute aufgestanden ist und dass jemand ihm Frühstück gemacht hat. Seitdem versuche ich, das auch so zu sehen“, so Elena Losowski.

Das Sport- und Bewegungsangebot ermöglicht es Elena Losowski, ihren Körper wieder wahrzunehmen.
Die Gruppe heißt eigentlich Bezugsgruppe, trifft sich dreimal pro Woche für eineinhalb Stunden und ist ein zentraler Bestandteil der psychosomatischen Reha, wie die Psychologin Maria Schwing erklärt: „Es geht darum, sich gegenseitig zu spiegeln, die Perspektive zu wechseln und etwas über sich selbst zu lernen.“ In den Gruppen komme viel wertvolle Lebenserfahrung zusammen. Elena Losowski hat zum Beispiel gelernt, dass es okay ist, zu sagen, was sie möchte und was nicht: „Wie die anderen damit umgehen, ist dann deren Problem.“
Metapher vom Flugzeugabsturz Wie viele andere Patientinnen und Patienten neige sie nämlich dazu, es anderen recht machen zu wollen – im Job und im Privatleben. Ärztlicher Direktor Joachim Patzelt nutzt gerne die Metapher vom Flugzeugabsturz, um zu erklären, warum das kontraproduktiv sein kann: „Man muss zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen zu Hilfe eilt.“ So sei es auch in der Psychosomatik: Nur wer sich um sich selbst kümmert, bleibt funktionstüchtig und kann für andere da sein. Gerade solche zwischenmenschlichen Dinge könne man in der Reha gut üben, weil man hier „ein bisschen wie unter einer Käseglocke ist“, so Patzelt. Es ist ein Zusammensein auf Zeit, ohne gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen. „Grenzen zu setzen, fällt hier leichter, weil es keine negativen Konsequenzen hat“, so der Psychiater. Nach fünf Wochen gehen alle wieder ihrer Wege. Elena Losowski hat noch eine andere Erfahrung gemacht. Sie ist zwar eher der zurückhaltende Typ, aber hier sei es ihr leichter gefallen, auf andere zuzugehen: „Alle haben einen Grund, warum sie hier sind. Dadurch hat man automatisch etwas gemeinsam und mehr Verständnis füreinander. Ich kann einfach gut mit den Leuten reden und habe nicht das Gefühl, meine Emotionen überspielen zu müssen.“
>> Alle haben einen Grund, warum sie hier sind. <<
ELENA LOSOWSKI

Geführte Spaziergänge durch die Natur sind für Elena Losowski ein bereichernder Teil der Reha.
Den Körper spüren, nicht nur den Schmerz Nun hat sie vier von fünf Wochen ihrer Reha hinter sich und fühlt sich deutlich besser. Wo vorher nur Schmerzen waren – in Rücken, Nacken, Schulter, Kopf – kann sie ihren Körper wieder spüren, auch dank Sport, Gymnastik und Bewegung in der Natur. Atementspannung und Körperwahrnehmung haben ihr geholfen, sich selbst wahrzunehmen. Und auch die geführten Spaziergänge durch die Natur und zu einem „Geschichtenbaum“, bei dem die eigene Lebensgeschichte reflektiert wurde, empfand sie als Bereicherung.
>> Ich habe gelernt, dass ich wichtig bin. <<
ELENA LOSOWSKI

Auch die körperliche Komponente der psychosomatischen Beschwerden wird in der Reha gezielt angegangen.
Ihr Programm hat sie zusammen mit dem Therapieteam individuell zusammengestellt. Die Kunsttherapie etwa hat sie ausgelassen, weil das „nicht so ihr Ding“ ist. Da alle Angebote freiwillig sind, könne man schon bei der Auswahl etwas lernen: nämlich Grenzen zu setzen, auf sich zu hören und wieder mehr der „Kapitän auf seinem eigenen Schiff“ zu werden, wie es die Psychologin Maria Schwing ausdrückt. Wenn es für Elena Losowski nächste Woche wieder zurück in die Heimat geht, nimmt sie mit, dass sie nichts muss, dass sie selbst wichtig ist, aber auch ihre sozialen Kontakte pflegen sollte. Ein bisschen traurig ist sie zwar bei dem Gedanken an den baldigen Abschied, „aber ich gehe mit einem guten Gefühl und freue mich darauf, zu Hause umzusetzen, was ich hier gelernt habe“.

Das Reha-Zentrum Bad Mergentheim – Klinik Taubertal deckt das gesamte psychosomatische Spektrum ab. Schwerpunkte sind: • Depressionen, Angststörungen und Schmerz • grenzwertiges Suchtverhalten • übermäßiger Gebrauch neuer Medien („Online-Sucht“) • medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR, spezieller Fokus auf die Rückkehr ins Arbeitsleben)