Alpakas machen Beine
In Bad Aibling gehören Alpaka-Wanderungen zu den begehrtesten Reha-Angeboten – und das nicht ohne Grund.
Peter Emmerling nimmt Ludwigs Leine und versucht das schokobraune Alpaka vorsichtig zu streicheln. Ludwig dreht den Kopf zur Seite. „Wir müssen uns erst noch ein bisschen beschnuppern“, schmunzelt Emmerling, der zurzeit auf Reha in Bad Aibling ist. Die Wanderung mit den Tieren aus den peruanischen Anden ist seit zwei Jahren aus dem therapeutischen Angebot der Rheumaklinik Bad Aibling der Deutschen Rentenversicherung Bund nicht mehr wegzudenken. Björn Lindemann, Therapeutischer Leiter der Klinik im bayerischen Voralpenland, freut sich über den Ansturm auf die freiwilligen Wanderungen: „Die Tiere haben eine beruhigende Wirkung auf unsere Patientinnen und Patienten. Das spürt jeder ganz schnell.“ Vor allem spornen die Tiere zur Bewegung an. „Wir haben Patienten, die in den Klinikfluren kaum auf- und abgehen können. Aber mit den Tieren sind sie dann ganz gelöst.“

Geschulte Therapeutinnen und Therapeuten Nachdem die Weide der Tiere gleich neben dem Klinikgelände liegt, lag eine Kooperation mit dem Alpakaverein nahe. Mittlerweile hat die Klinik vier Therapeutinnen und Therapeuten für die tiergestützten Wanderungen schulen lassen. Peter Emmerling macht sich mit der Gruppe auf den Weg. Gleich hinter der Klinik geht es an diesem warmen Sommertag über wellige Wiesen in ein schattiges Waldstück hinein. Anuk bleibt kurz stehen und schaut sich schnuppernd um. Das Lama ist der tierische Anführer der Alpaka-Gruppe und geht meist mit Stephan Meyer, dem Tierbetreuer der Klinik, voran. Die anderen der Reihe nach hinterher. Wenn Anuk stehen bleibt, bleiben alle stehen – Alpakas und Menschen. Im Wald ist es still. Außer einem leichten Hufgeklapper und ein paar schwirrenden Insekten hört man im dichten Laubwald nichts. Goldene Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach auf saftiges, dunkelgrünes Moos. Es riecht nach warmfeuchter Erde. Die Ruhe ist ansteckend. Kaum einer hat das Bedürfnis, sich zu unterhalten. Stephan Meyer weiß um diesen heilenden Effekt: „Wer ein Alpaka führt, muss sich ganz auf das Tier konzentrieren. Das lenkt von den eigenen gesundheitlichen Belastungen ab.“

>> Der Umgang mit den Tieren hilft Menschen mit chronischen Erkrankungen, wieder eine positivere Einstellung zum eigenen Körper zu entwickeln. <<
DR. MED. ALEX HÖFTER, ÄRZTLICHER DIREKTOR, REHA-ZENTRUM BAD AIBLING, KLINIK WENDELSTEIN UND RHEUMAKLINIK, DEUTSCHE RENTENVERSICHERUNG BUND
30Fachklinik für Orthopädie und Rheumatologie Auch psychisch hat die Reha bei Nina Seegers einiges angestoßen. Vorher war sie so ausgelaugt, dass sie gar keinen Antrieb mehr hatte. Gleichzeitig konnte sie sich keine Ruhepausen gönnen, stand ständig unter Strom, um nicht ins Nachdenken zu kommen. In der Reha ändert sich das. Sie kann auch mal abschalten, Abstand gewinnen, zur Ruhe kommen. „Wenn ich abends allein in meinem Zimmer bin, genieße ich das so richtig. Ich freue mich über hereinfallende Sonnenstrahlen oder wenn draußen die ersten Krokusse blühen. Zeit für mich – das ist wichtig.“ Wenn sie nach Hause kommt, will sie manches ändern. Sie will eine ambulante Psychotherapie machen und im Zusammenleben mit ihren 16 und 21 Jahre alten Kindern klare Regeln aufstellen. Aufgaben verteilen, anstatt alles selber zu machen. Für den Rücken macht sie weiter Physiotherapie, und sie will einen ergonomischen Sitz für die Arbeit beantragen. Dass sie den Opa weiter pflegt, steht für sie außer Frage. Aber sie weiß jetzt, wie sie Hilfe bekommt und wie sie sich selbst dabei nicht aus den Augen verliert. „Ich kann das wirklich nur empfehlen.“ Die Rheumaklinik Bad Aibling hat sich auf die Behandlung von orthopädischen und entzündlich- sowie degenerativ-rheumatischen Erkrankungen spezialisiert. Wer akutentzündliche Beschwerden hat, dem kann eine schmerzlindernde, entzündungshemmende und leistungssteigernde Ganzkörperkältetherapie in der Kältekammer helfen. Lymphdrainagen unterstützen diesen Prozess. Wer an einer chronisch degenerativen Erkrankung der Wirbelsäule oder der Gelenke leidet, der ist hier in einem der bedeutendsten Moorheilbäder genau richtig aufgehoben. Das in der Umgebung gewonnene Heilmittel Moor wird im Haus selbst für die Anwendung aufbereitet. Björn Lindemann: „Viel Bewegung ist wichtig, um zum Beispiel eingeschränkte Kapselstrukturen zu erweitern, damit Gelenke wieder durchgestreckt werden können.“ Dafür stehen neben den Wanderungen auch Einzelgymnastik, Kletterwand, Schlingentisch, Bewegungsschienen oder ein Bewegungsbad zur Verfügung. Positiver Effekt Die medizinische Trainingstherapie mit der Beinpresse hat es Peter Emmerling – neben der Alpaka-Wanderung – besonders angetan. Im klimatisierten Fitnessstudio im vierten Stock der Klinik streift der Blick frei über das alpine Bergpanorama. Für den Erlabrunner aus dem Landkreis Würzburg immer wieder ein Erlebnis: „Das ist Erholung für Geist und Seele.“ Mehrmals war Peter Emmerling in den vergangenen 20 Jahren aufgrund von Wirbelsäulen- und Knieproblemen hier zur Rehabilitation. „Das therapeutische Angebot sowie die Umgebung drumherum sind einmalig.“ Er schwärmt von tollen Fachkräften, vom leckeren Essen, vom freundlichen Personal, von interessanten Vorträgen und der Ernährungsberatung. Des Weiteren ist er begeistert vom Freizeitangebot der Region mit Therme, Kurkonzerten im nahen Kurgarten oder lockenden Ausflugszielen im Voralpenland. Von seinem Wunschzimmer aus genießt er den Blick auf den Wendelstein. „Alle haben hier dasselbe Ziel: dass wir Patienten weiter arbeitsfähig bleiben“, so der Unterfranke. „Ich freu mich schon darauf, wenn ich nach der Reha heimkomme und wieder leichter Treppensteigen kann, besser Luft bekomme“, sagt Emmerling. Ob bei der Arbeit, dem Radfahren oder im Fitnessstudio – den positiven Effekt der Reha spürt er jedes Mal deutlich und nachhaltig.

Björn Lindemann, Therapeutischer Leiter der Klinik, hilft Peter Emmerling bei der korrekten Ausführung einer Beinpresse-Übung.
Dem Rhythmus der Tiere anpassen Nach der rund eineinhalbstündigen Wanderung dürfen Anuk, Ludwig, Xaver, Seppi und Franz gefüttert werden. Zufrieden Körner kauend stehen sie auf der Wiese neben der Klinik. Peter Emmerling lässt noch schnell ein Erinnerungsfoto schießen. „Sehr schön wars“, schwärmt er. „Am Anfang war ich selbst noch zu unruhig. Aber wenn man sich dem Rhythmus der Tiere anpasst, dann ist es sehr entspannend.“ Peter Emmerling verabschiedet sich nun rasch. Bevor es bald nach Hause zur Familie und den sechs Enkeln geht, lockt es ihn heute noch einmal zu einem kurzen Ausflug mit dem Auto auf die Speckalm am nahen Sudelfeld. Sein zusätzliches und ganz persönliches Reha-Programm im bayerischen Voralpenland. Währenddessen grasen Anuk, Ludwig und die anderen Alpakas auf der Wiese hinter der Klinik dem Sonnenuntergang entgegen – bis zur nächsten Alpaka-Wanderung mit begeisterten Patientinnen und Patienten.
Nach der Reha: wohnortnahes und berufsbegleitendes Nachsorgeangebot
Björn Lindemann, Therapeutischer Leiter der Rheumaklinik Bad Aibling, ist davon überzeugt: „Durch eine medizinische Reha ist eine Lebensstiländerung möglich.“ Damit die erreichten Erfolge auch langfristig aufrechterhalten und gefestigt werden können, bietet die Deutsche Rentenversicherung Bund verschiedene, zum Teil auch telemedizinische Leistungen zur Reha-Nachsorge an: IRENA, T-RENA, Funktionstraining oder psychosomatische Begleitung.